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"Die Känguru-Chroniken Reloaded"
Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 02.07.2020
Regisseur: Dani Levy
Schauspieler: Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass, Volker Zack
Entstehungszeitraum: 2019
Land: D
Freigabealter: 0
Verleih: X Verleih
Laufzeit: 92 Min.
Känguru vs. Kapital
Eine halbe Million Zuschauer in nur zehn Tagen - die Verfilmung der "Känguru-Chroniken" hüpfte Anfang März allen anderen Filmen davon. Dann kam Corona, und die Kinos mussten schließen, nur noch die Autokinos konnten den Film noch zeigen. Also entschlossen sich die Macher zu einem Schritt, wie es ihn noch nie gab in der deutschen Filmlandschaft: "Die Känguru-Chroniken" wurden kurz nach Kinostart auch digital veröffentlicht, bei Amazon und Co. Immerhin: Ein maßgeblicher Beitrag des Erlöses, so hieß es damals, solle all jenen Kinos zugutekommen, die den Film bis zur Corona-bedingten Schließung ihrer Häuser gezeigt hatten. Weil aber der heimische Bildschirm doch kein Ersatz ist für die große Leinwand, startet der Film nun erneut, "mit einer Einstellung in 3D", wie der Verleih verspricht.

Der Film beginnt mit einer Reizüberflutung - schnelle Schnitte und Stimmengewirr. Der Schöpfer der "Känguru-Chroniken" und Drehbuchautor des Films, Marc-Uwe Kling, diskutiert mit dem Känguru, das er zudem auch spricht, über den passenden Einstieg in den Film. Die den Fans der Hörbücher wohlbekannten Stimmen fallen sich bei der Diskussion, um wessen Film es sich hier überhaupt handelt, gegenseitig ins Wort. Das Streitgespräch zwischen dem Autor und seinem Beuteltier läuft rein verbal ab, während Satellitenbilder von Berlin und Illustrationen des Urknalls über die Leinwand flimmern. Ein kreativer, aber anstrengender Beginn.

Vom Geheimtipp zum Mainstream-Phänomen

Trotz dieser Sinnesüberforderung enthalten die Anfangsminuten etwas, was dem Großteil des Films von Regisseur Dani Levy ("Alles auf Zucker") komplett abgeht: das anarchische Element, das die Känguru-Geschichten auszeichnet und insbesondere die Hörbücher vom Geheimtipp zum Mainstream-Phänomen werden ließ, ohne an Charme und Biss zu verlieren. Die ursprünglich für das Radio geschriebenen Kurzgeschichten über ein kommunistisches Känguru, das bei Marc-Uwe Kling einzieht und dessen Leben komplett auf den Kopf stellt, wurden seit 2009 in vier Büchern und den ebenso kultisch verehrten Hörbüchern zum großen Erfolg bei Fans und Kritikern.

Die gewachsene Fanbasis soll nun in Form eines Kinofilms das (computeranimierte) Känguru erstmals zu sehen bekommen - vom liebgewordenen Kopfkino in den Ist-Zustand. Zugegebenermaßen ist es nicht ganz fair, einen Kinofilm mit Büchern und Hörbüchern zu vergleichen. Anhänger der Reihe müssen aber dennoch feststellen, dass es leider nicht die beste Idee war, den Stoff auf die Kinoleinwand zu übertragen. Die Vorlagen ziehen ihren Witz größtenteils aus den Frotzeleien und Insiderwitzen zwischen dem "Chronisten" Marc-Uwe und dem Känguru. Allerdings vermasselt der Kinofilm oft das Timing dieser Gags. Zwar ist der gesamte Film gespickt mit wörtlichen Zitaten aus den Büchern, allerdings erreichen die Pointen nicht immer ihr Ziel. Speziell für den Film geschriebene Witze driften oft in Klamauk ab.

Bedrohte Kiez-Idylle

Dabei entspricht die Handlung einem Mix aus den bisher erschienenen Känguru-Bänden, wobei die in den Vorlagen beschriebenen Szenen in eine neue, filmtragende Geschichte eingewoben werden: Unfreiwillig gründet der unterambitionierte Kleinkünstler Marc-Uwe, im Film gespielt von Theaterschauspieler Dimitrij Schaad in seiner ersten großen Kinorolle, eine WG mit einem kommunistischen Känguru, das von jetzt auf gleich beschließt, bei ihm einzuziehen. Jahre später, nachdem die beiden längst Freunde geworden sind, gerät ihre Wohngemeinschaft in Gefahr. Die Kreuzberger Kiez-Idylle wird durch den rechtspopulistischen Immobilienhai Jörg Dwigs (Henry Hübchen) und dessen gigantisches Bauprojekt bedroht - Gentrifizierung der schlimmsten Sorte. Dies kann das Beuteltier nicht auf sich sitzen lassen und plant Gegenmaßnahmen, bis hin zum großen Anti-Terror-Anschlag.

Sowohl der kapitalismuskritische Ansatz als auch die Überzeichnung der Charaktere waren immer zentrale Elemente in den Kurzgeschichten von Marc-Uwe Kling. In den verfilmten "Känguru Chroniken" wirkt die Umsetzung dieser Motive etwas über das Ziel hinausgeschossen, vermutlich allerdings komplett beabsichtigt. So sehen die Nazis noch dümmer aus, als sie sprechen, und Jörg Dwigs ist nicht nur rücksichtsloser Kapitalist, sondern auch ausgewiesener Sadist. Dabei verkörpert Hauptdarsteller Dimitrij Schaad Marc-Uwes träge Ambitionslosigkeit hervorragend, kann aber nicht über die Schwächen im Drehbuch hinwegtäuschen. Zudem werden zwar viele liebgewonnene Nebenfiguren der Buchvorlage eingebaut; doch obwohl beispielsweise Kneipenwirtin Herta (Carmen-Maja Antoni) oder die Brüder Otto-Von (Tim Seyfi) und Friedrich-Wilhelm (Adnan Maral) toll gespielt werden, haben sie im Film nur wenig zu tun. Gegen die Buch- und Hörbuch-Vorlagen kommt der Film leider nicht wirklich an.

Von Christopher Schmitt