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Oscar-Regisseur und tschechische Film-Legende Jiri Menzel ist tot

Der hintersinnige Humor seiner Filme wurde in der sozialistischen Tschechoslowakei als Anklage gegen die omnipräsente Bürokratie interpretiert: 1968 wurde die Tragikomödie "Liebe nach Fahrplan" von Jiri Menzel, die an einem kleinen Bahnhof während der deutschen Besatzung spielt, mit einem Oscar ausgezeichnet. Besonders die Szene, in der ein Fahrdienstleister einem jungen Mädchen den Eisenbahnerstempel auf den nackten Po abdrückte, blieb in Erinnerung - auch als Provokation in prüden Zeiten. Wie seine Frau Olga auf Facebook mitteilte, ist der tschechische Theater- und Filmregisseur Jiri Menzel nun im Alter von 82 Jahren verstorben.

Als Menzel 1968 den Oscar erhielt, galt er schon seit geraumer Zeit als prominenter Repräsentant der Neuen Welle des tschechoslowakischen Films, die sich in erster Linie durch ihre Freude am Experimentieren auszeichnete: So gehörten improvisierte Dialoge, die Besetzung mit Laienschauspielern sowie eine Portion schwarzer Humor zu den Stilmitteln, die die Neue Welle scharf vom sozialistischen Aufbaufilm abgrenzten. Der künstlerischen Freiheit wurde mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen - und der Niederschlagung des Prager Frühlings - ein jähes Ende gesetzt.

Jiri Menzel musste das am eigenen Leib erfahren: 1969 vollendete er seinen Film "Lerchen am Faden" - doch die Kritik über die herrschenden Zustände ging der Regierung zu weit. Deshalb musste das Werk 20 Jahre auf seine Veröffentlichung warten. Der Lohn kam nach der Wende: Nachträglich erhielt er für die Politsatire den Goldenen Bären der Berlinale. Auch vor der Kamera war er aktiv: In den 80-ern trat er in deutschen und ungarischen Filmen als Schauspieler auf. "Die Filme, die wir in den 60er-Jahren gemacht haben, sind passé. Der Zuschauer hat sich verändert, und ich kann dem nicht mehr ganz folgen", sagte Menzel in einem seiner letzten Interviews über das Kino.

Große Liebe zur Literaturverfilmung

Sein Oscar-Erfolg "Liebe nach Fahrplan" ist nicht der einzige Film, der auf einer Literaturvorlage des von ihm verehrten Schriftstellers Bohumil Hrabal beruht. Neben weiteren Büchern - auch dem erwähnten "Lerchen am Faden" verfilmte er 2006 auch dessen Roman "Ich habe den englischen König bedient" - die Deutsche Julia Jentsch wurde in einer Hauptrolle besetzt. Für Kritiker war dieser Film nicht weniger als der "Abschluss eines meisterlichen Lebenswerks".

Kurz nach den Dreharbeiten zum Film "Dolmetscher", in dem er eine Hauptrolle innehatte, erkrankte er schwer. Ende 2017 musst er nach einer Operation mehrere Monate im Krankenhaus verbringen, vollständig erholt hatte er sich davon nie. Als der "Tapferste unter den Tapferen" beschrieb seine Frau, eine Filmproduzentin, ihren Mann in dieser Zeit. Die letzten Jahre lebte er zurückgezogen im Kreise der Familie in Prag, wo er geboren wurde und nun auch starb.