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Mostra mit Maske: In Venedig haben die 77. Filmfestspiele eröffnet
Ohne Maske geht in diesem Jahr gar nichts am Lido. Die 77. Filmfestspiele von Venedig stehen ganz im Zeichen der Pandemie, und auf dem Festivalgelände, in den Sälen, sogar während des Films herrscht strenge Maskenpflicht. Nur auf dem roten Teppich darf das Stück Stoff kurz vom Gesicht genommen werden. Zur feierlichen Eröffnung am Mittwochabend musste die Maske freilich zum Abendkleid passen, lediglich Cate Blanchett, diesjährige Jurypräsidentin, hatte sich ein simples Einwegmodell vor Mund und Nase geklemmt. Venedig unter Pandemiebedingungen, das heißt auch: weniger Filme als sonst, weniger Zuschauer, weniger Prominenz auf dem roten Teppich. Dennoch: Dass die Biennale in diesem Jahr überhaupt stattfinden kann, damit hätte bis vor ein paar Wochen wohl niemand gerechnet. Schließlich waren andere Festivals wie das in Cannes Opfer des Virus geworden.

Einer der "positiven Effekte des Lockdowns" sei es immerhin, dass er sich mit seinen Kollegen vernetzt habe, sagte Festivaldirektor Alberto Barbera am Mittwoch. Und so hatte er sie alle mitgebracht zur allerersten Pressekonferenz der Biennale, seine Kollegen aus Cannes, Locarno, Rotterdam, Karlsbad und San Sebastian. Es gehe nun darum, Solidarität zu zeigen, vor allem mit jenen Festivals, die in diesem Jahr nicht stattfinden konnten, erklärt Barbera. Die Krise, meinte sein Kollege Thierry Frémaux aus Cannes, sei ein "Moment des tief greifenden Wandels", und es werde wohl noch Jahre dauern, bis die Filmwirtschaft wieder normal laufe. Netflix aber, sagt Barbera, könne das Erlebnis, gemeinsam im Kino einen Film zu sehen, nicht ersetzen.

Goldener Ehrenlöwe für Tilda Swinton

Da passt es, dass einer der schönsten Szenen von "Mila", dem Eröffnungsfilm der "Horizonte"-Reihe, in einem Kino spielt. Der griechische Film erzählt von einem Mann, der eines Tages in einen Bus einschläft, und als er aufwacht, erinnert er sich an nichts mehr. Auch seinen Namen hat er vergessen, so wie Tausende andere auch, die von einer rätselhaften Amnesie befallen wurden. Der Mann kommt ins Krankenhaus, doch weil ihn auch nach Wochen niemand von dort abholt, wird er in ein gänzlich neues Leben geschickt. Jeden Tag stellen ihm die Ärzte eine neue Aufgabe, die er jeweils mit einem Polaroidfoto dokumentieren soll: Fahrradfahren, eine Frau kennenlernen, und eben auch: ins Kino gehen. Er sieht sich einen Horrorfilm an, und vor ihm im Saal sitzt eine Frau, die sich schrecklich fürchtet vor dem Gemetzel auf der Leinwand. Nach dem Film spricht sie ihn an - er soll ein Foto von ihr machen, zum Beweis, dass auch sie ihre Aufgabe absolviert hat.

Die Kraft des Kinos wurde am Eröffnungstag vielfach beschworen. Sei es von Jurypräsidentin Cate Blanchett, die das Kino als "reines Wunder" bezeichnete, oder von Tilda Swinton, die von der "puren Freude" des gemeinsamen Filmeguckens im Dunkeln sprach. Swinton war mit einer Maske auf dem roten Teppich erschienen, die wohl an den Karneval von Venedig erinnern sollte, so manch einem Virologen aber eher ein wütendes Schnauben entlocken würde. Die Schottin war nach Venedig gekommen, um sich den Goldenen Ehrenlöwen für ihr Lebenswerk abzuholen, der in diesem Jahr außerdem an die aus Hongkong stammende Filmemacherin Ann Hui ("Boat People") geht.

Deutscher Beitrag im Wettbewerb

Eröffnet wurden die Filmfestspiele von einem Beitrag aus Italien, der außer Konkurrenz gezeigt wurde: "Lacci" von Daniele Luchetti. Dass ein italienischer Film das Festival eröffnete, mag der Tatsache geschuldet sein, dass sich Hollywood derzeit noch schwer damit tut, neue Filme an die Öffentlichkeit zu bringen. Es passt aber gut zu der Botschaft, die von Venedig ausgeht. Denn beschworen wurde auf der "Mostra" nicht nur der Geist des Kinos, sondern auch so etwas wie die Wiedergeburt Italiens nach den Monaten der Krise. Man spürte den Stolz, dass Italien es geschafft hat, trotz der Pandemie ein derartiges Festival auf die Beine zu stellen.

Deutlich weniger pathetisch ging es dann im Eröffnungsfilm selbst zu. In "Lacci" zeigt Regisseur Luchetti eine Familie im Zerfall, einen bitterbösen Ehekrieg, dem die zwei Kinder der Streitenden zum Opfer fallen. Das zu beobachten ist bisweilen ganz schön anstrengend. Am Ende aber belohnt der Film sein Publikum mit einer wunderbar überraschenden Wendung.

In den Wettbewerb, der am zweiten Festivaltag mit dem französischen Film "Amants" beginnt, hat es auch ein deutscher Beitrag geschafft: In "Und morgen die ganze Welt" erzählt die Berlinerin Julia von Heinz von einer Jurastudentin, die sich einer gewalttätigen Antifa-Gruppe anschließt. Der Film mit Mala Emde in der Hauptrolle wird am 10. September, zwei Tage vor Ende des Festivals, seine Premiere feiern und um den Goldenen Löwen konkurrieren.

Von Sven Hauberg