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"The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Fremden"
Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 12.12.2019
Regisseur: Lone Scherfig
Schauspieler: Zoe Kazan, Andrea Riseborough, Bill Nighy
Entstehungszeitraum: 2018
Land: DK/CDN/S/F/D
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode Film
Laufzeit: 115 Min.
Zoe Kazan im Interview
Zoe Kazan im Interview
New York ist kein Ort für Einsamkeit
Dass Zoe Kazan einmal zum Film gehen würde, war bei dieser Familie nicht verwunderlich: die Mutter Regisseurin, der Vater Drehbuchautor und der Opa die Regielegende Elia Kazan. Und dann kam Zoe Kazan, Jahrgang 1983, auch noch in Los Angeles zur Welt. Nach mehreren kleinen Rollen wurde sie 2008 einem größeren Publikum bekannt, als sie in Sam Mendes' "Zeiten des Aufruhrs" an der Seite von Leonardo DiCaprio spielte. Zuletzt war sie im gefeierten Film "The Big Sick" in einer Hauptrolle zu sehen. Nun spielt Zoe Kazan in "The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Fremden" (Kinostart: 12. Dezember) eine Mutter, die mit ihren Kindern vor ihrem gewalttätigen Ehemann flieht. Die mädchenhaft wirkende Schauspielerin tauchte ganz in die Rolle ein, sprach zur Vorbereitung mit Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, und verleiht der Figur der Clara eine berührende Verletzlichkeit und emotionale Tiefe. Dabei half ihr auch, dass der Film in New York spielt. Hier lebt sie mit Schauspieler Paul Dano und der gemeinsamen Tochter das Gegenkonzept zu einem Hollywood-Glamour-Paar: möglichst normal und geerdet. So präsentiert sie sich auch im Interview.

Rewirpower: New York wirkt in "The Kindness of Strangers" chaotisch, eng und abweisend. Wie erleben Sie die Stadt?

Zoe Kazan: Ich habe die letzten 13 Jahre dort gelebt, es ist mein Zuhause. Ich liebe es, in einer Stadt zu leben, in der ich überall hinlaufen und die U-Bahn nehmen kann. So lernt man die Menschen um einen herum kennen und nimmt sie richtig wahr. Das passiert nicht, wenn man mit dem Auto von Ort zu Ort fährt. New York kann aber auch ein harter Ort zum Leben sein. Im Film ist Lone Scherfigs Version der Stadt zu sehen. Es ist nicht das New York, in dem ich lebe. Der Film arbeitet aber trotzdem einen wichtigen Punkt heraus: Ich habe so viel Freundlichkeit in der Stadt unter Fremden erlebt, mir gegenüber ganz persönlich aber auch bei anderen. So fühlt sich New York manchmal an wie eine kleine Stadt.

Rewirpower: Ist diese Freundlichkeit vielleicht aber auch nur auf Brooklyn, in dem Sie leben, beschränkt?

Kazan: In meiner Nachbarschaft und meinem Viertel fühle ich mich wegen dieser Atmosphäre sehr wohl. Aber auch in der U-Bahn, wo man mit Menschen sitzt, die von einer langen Schicht kommen, zur Arbeit fahren oder arbeitslos sind - lauter Menschen, die an einem anderen Punkt in ihrem Leben stehen -, stellt sich ein besonderes Gemeinschaftsgefühl ein. New York ist die einzige Stadt, die ich kenne, in der man in eine Bar oder ein Restaurant gehen kann und leicht mit jemand in Kontakt kommt. Es ist kein Ort der Einsamkeit. Es kann sich vielleicht mal einsam anfühlen, aber es ist eigentlich immer jemand da.

Rewirpower: Wie erklären Sie sich, dass die Heldin Clara ohne Geld und mit zwei Kindern ausgerechnet in das teure New York flüchtet?

Kazan: Clara hat keinen guten Plan, sie versucht einfach nur wegzukommen aus der Situation und will ihre Kinder in Sicherheit bringen. So wie sie das angeht, würde ich das nicht machen. Bei ihrem Versuch, sich zu befreien, hilft es ihr, sich einen Zufluchtsort vorzustellen, der so viel glamouröser ist als der Ort, den sie hinter sich lässt. Aber natürlich stellt sich die Realität anders dar.

Rewirpower: In einer Szene lässt Clara teure High Heels aus einem Geschäft mitgehen. Das wirkt für eine Mutter, die ihre Kinder durchbringen muss, befremdlich.

Kazan: Ja, sie stiehlt glamouröse Dinge für sich selbst. Mir persönlich wäre das nicht wichtig, ich habe kein großes Verlangen danach, glamourös zu sein. Die Regisseurin sah es jedoch als einen wichtigen Teil von Claras Charakter an, und so habe ich versucht, mehr über dieses Verlangen herauszufinden. Es steht für die ehrgeizigen Pläne, die sie für sich und die Kinder in dieser Stadt hat. Es ist ihr Weg, sich hinauszuträumen aus der üblen Situation, in der sie sich befindet.

"Jede Mutter versucht ihr Bestes"

Rewirpower: Sie haben selbst eine kleine Tochter. War es dadurch einfacher, eine Mutter zu spielen, die ihre Kinder beschützen will?

Kazan: Egal, ob man selbst Kinder hat oder nicht, finde ich es nicht sehr schwer sich vorzustellen, wie jemand ein Kind schützen will. Man denke nur an Charlie Chaplins herzzerreißenden Film "The Kid". Es liegt in unsere Natur, Kinder beschützen zu wollen. Mir lagen beim Dreh besonders die Kinderdarsteller am Herzen. Ich wollte, dass sie sich behütet fühlen, vor allem der kleine Junge, der nie zuvor gespielt hatte. Es war mir wichtig, dass er den Unterschied zwischen unserem Spiel am Set und der Realität versteht.

Rewirpower: Wenn man ein Kind bekommt, stellt sich auch die Frage danach, wie man eine gute Mutter sein kann. Haben Sie eine Antwort?

Kazan: Das ist für mich schwer zu sagen. Ich finde es nur seltsam, dass in unserer Gesellschaft immer mehr über "gute Mütter" als über "gute Väter" gesprochen wird. Das legt die Latte für die Frauen sehr hoch. Überhaupt ist Mutter zu sein eine der härtesten Sachen, die man machen kann. Jede versucht doch ihr Bestes, und wir sollten nicht über andere Leute urteilen, man steckt nicht in ihnen drin.

Rewirpower: Also lieber nach den Vätern fragen?

Kazan: Ich würde die Frage so formulieren: Wie gelingt, es gute Eltern zu sein? Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich, wenn ich Hilfe brauche, jemand dafür bezahlen oder auf ein Familienmitglied zählen kann. Nicht jeder hat diese Möglichkeit. Es ist schwierig, es allein zu schaffen. Deshalb muss die Gesellschaft einspringen mit einem Gesundheitssystem für alle und Institutionen, die einen auffangen können.

Rewirpower: Und wenn es das nicht gibt, ist man auf die Freundlichkeit von Fremden angewiesen?

Kazan: In unserem Film auf jeden Fall. Lone Scherfig hatte einen künstlerischen und keinen politischen Anspruch bei der Inszenierung, trotzdem sind natürlich politische Elemente drin. Wir versuchen, Mitgefühl beim Publikum zu wecken und das Schwere mit Humor aufzubrechen. Lone kann dabei perfekt Humor und starke Emotionen in ihrer Inszenierung verbinden, das gelingt nicht jedem.

Von Diemuth Schmidt