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Wim Wenders wird 75
Wim Wenders wird 75
Der Lauf der Zeit
"Paris, Texas", ein Melodram inmitten der kalifornischen Wüste unter unendlichem Horizont, in dem ein Vater seine Tochter sucht und schließlich in der Kabine einer Peepshow findet: Das war lange Zeit Wim Wenders' schönster Film. Das poetische Werk wurde 1984 in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt. An die Croisette wurde Wenders, der neben Werner Herzog im Ausland wohl angesehenste lebende deutsche Regisseur, immer wieder eingeladen. Zuletzt vor zwei Jahren mit dem Dokumentarfilm "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes". Viermal traf Wenders den Papst für mehrstündige Interviews, herausgekommen ist ein intimes, sehr direktes Porträt des Kirchenoberhauptes. "Ich habe viel von ihnen gehört", habe ihm der Papst erzählt, erinnerte sich Wenders im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau an die erste Begegnung. "Aber Sie müssen wissen, ich kenne keinen einzigen Film von Ihnen."

Am 14. August vollendet der 1945 in Düsseldorf geborene Wilhelm Ernst "Wim" Wenders sein 75. Lebensjahr. Er ist stets ein Regisseur geblieben, der seine Filme mit größtmöglicher fotografischer Exaktheit inszeniert, der unter Ungenauigkeiten leidet. "Heute erscheint in der Tat vieles beliebig ins Bild gesetzt. Die Regisseure sind sich ihrer Mittel nicht bewusst oder gehen davon aus, dass es dem Zuschauer egal ist, ob die Bilder gut quadriert sind oder nicht", sagte er vor ein paar Jahren in Cannes.

Wenders' Filme sind fast immer Reisefilme. "Die Helden in den Filmen von Wim Wenders sind unstet, im Elend wie in der Fremde", schrieb einst der Kritiker Wolfram Schütte anlässlich des Wenders-Films "Im Lauf der Zeit" von 1976, der den Ruhm des Neuen Deutschen Films wesentlich mitbegründete. Wenders-Filme führen von Wien ins Burgenland ("Die Angst des Tormanns beim Elfmeter"), von New York nach Amsterdam ("Alice in den Städten"), von der Nordsee bis zur Zugspitze ("Falsche Bewegung"), sie sind Fluchtbewegungen, die den Reisenden nach Niederlagen doch noch persönliche Erfüllung bringen. Auch in seinen Dokumentationen verlässt Wenders immer wieder die deutsche Heimat, zog etwa mit dem brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado für das betörende und gleichzeitig verstörende Großwerk "Das Salz der Erde" um den Globus.

Wenders' erstes Meisterwerk

"Im Lauf der Zeit" wurde zu Wenders' erstem Meisterwerk: Ein Reparateur von Kinoprojektoren, ein Arzt am Sterbebett des Kinos gewissermaßen, und einer, der seine Frau verlassen hat und nun an die Elbe fährt, begegnen hier einander und tingeln gemeinsam - auf einer "Reise nach innen" - an der innerdeutschen Grenze entlang. Landschaften, Tageszeiten, die Zeit selbst ziehen den Zuschauer in ihren Sog. Wenders drehte elf Wochen "on the road", suchte die Drehorte spontan, schrieb Dialoge nächtens um. Er filmte schon damals mit viel Wagemut.

Nach der Patricia-Highsmith-Verfimung "Der amerikanischen Freund" von 1977, seiner ersten internationalen Koproduktion, holte ihn Francis Ford Coppola nach Hollywood. Was der Höhepunkt einer Regiekarriere hätte werden sollen, geriet allerdings zum Beinahe-Flop: Nach jahrelanger Vorarbeit und den fast abgeschlossenen Dreharbeiten zum Neo-Noir-Film "Hammett" stieg Coppola aus. Nur mit Mühe gelang es Wenders, seinen eigenen, kleineren Film fertigzustellen. Als er später mit dem in Portugal gedrehten "Der Stand der Dinge" mit Hollywood abrechnete, wurde er dafür in Venedig mit dem Goldenen Löwen belohnt. Im "Himmel über Berlin" schwebten geradezu seherisch Bruno Ganz und Otto Sander als Engel über der geteilten Stadt. Folgerichtig gab es den Regiepreis in Cannes.

Der große Grübler

Den "größten Grübler unter Deutschlands Regisseuren" nannte man den teils in Los Angeles, teils in Berlin lebenden Regisseur bisweilen. Wenn man ihn sehr langsam und bedächtig sprechen hört, mochte man ihn in einer lauten und schnelllebigen Zeit leicht unterschätzen. Dennoch wurde der theologische Ehrendoktor der Sorbonne international zur cineastischen Kultfigur. Vermehrt verlegt er sich zuletzt auch auf hochwertige Dokumentationen - über den berühmten "Buena Vista Social Club", über Pina Bausch ("Pina") und eben über den Papst. Wenn er erklärt, dass etwa sein Film "Land of Plenty" genauso teuer war wie eine große Hollywood-Produktion an einem halben Drehtag, dann schwingt immer noch die alte Hassliebe zu Hollywood mit. "Aber diese Peanuts verschaffen mir Freiheit", so brachte er es einmal auf den Punkt und schwärmt zugleich für Digitalfilme mit kleinem Budget. Und selbst der Leinwand will der bildgewaltige Filmschöpfer kein Monopol zugestehen: Ausgefeilte, durchdachte Bilder halten ihm zufolge selbst das Kleinformat eines Tablets aus.

Kein Maler oder Filmemacher ohne Musen: Privat hatte Wenders fast so viele Frauen an seiner Seite wie er Filme inszenierte. Inzwischen ist er mit der Berliner Fotografin Donata Wenders in dritter Ehe verheiratet und gibt mit ihr gemeinsame Fotobände heraus. Fotografieren, "Schreiben mit Licht", ist seine zweite Leidenschaft.

Anlässlich seines 75. Geburtstag ehrt das Erste am Freitag, 14. August, ab 23.50 Uhr Wim Wenders mit einer Werkschau. Auf die Dokumentation "Wim Wenders, Desperado" folgen der Dokumentarfilm "Buena Vista Social Club" (1.55 Uhr) und der Spielfilm "Der Himmel über Berlin" (3.30 Uhr). Viele weitere Wenders-Werke stehen außerdem noch bis 14. September in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.

Von Wilfried Geldner